Ein Eispanzer von 300 Metern

osnapicture 19. Dezember 2010 4

Eis und Schnee sind im kanadischen Kluane Nationalpark die vorherrschenden Elemente. Die beste Möglichkeit sich ein Bild vom größten nichtpolaren Eisfeld der Welt zu machen, bietet sich aus der Luft. Das weiß auch der deutsche Buschflieger Thor Flender. Er hat mir seine atemberaubende Wahlheimat auf diese Weise gezeigt.

Aus der Luft bietet sich die beste Sicht auf die gigantischen Eismassen im Kluane Nationalpark. Fotos: Thomas Limberg

Zugegeben, etwas mulmig ist wohl jedem der 5 Passagiere an Bord der kleinen Cessna. Zu gewaltig erscheint die überdimensionierte Natur, zu zerbrechlich das schon etwas ältere Flugzeug. Doch über Kopfhörer beruhigt er in einem Deutsch, das mittlerweile von einem starken kanadischen Akzent geprägt ist: „Was passiert ist noch nie.“ Und selbst wenn, für den Notfall ist vorgesorgt: An Bord befindet sich ein Überlebenskit mit Bärenabwehrspray, GPS-Gerät und Satellitentelefon.

Ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit – die Gletscher des Kluane Nationalparks.

Dass irgendetwas davon gebraucht werden könnte, darüber macht sich schon Sekunden nach dem Start auf der staubigen Schotterpiste niemand mehr Gedanken. Zu groß ist das Staunen über die sich bietenden Ansichten. Eine arktische Tundralandschaft mit unzähligen Seen und Nadelbäumen soweit das Auge reicht. „Morgens“, so berichtet der Pilot „sind oft die Elche beim Frühstück an den Seen zu beobachten.“ Wir sehen keine Elche, halten aber nach Grizzlys und Schwarzbären Ausschau, als vor uns eine Herde von Dall- Schafen auftaucht. Majestätisch klettern die an Steinböcke erinnernden Tiere über die steilen Felsen und schauen etwas ungläubig in Richtung Flugzeug. Flenders, der einst in Deutschland Architekt war, bietet an, in Schräglage zu fliegen, damit jeder eine bessere Sicht hat. Wir verzichten, denn für den bald kommenden Einflug in den Gletscher hat er leichte Turbulenzen vorhergesagt.

Eine arktische Tundralandschaft mit unzähligen Seen und Nadelbäumen soweit das Auge reicht.

Hinter dem nächsten Bergkamm ist es soweit, leichte Fallwinde erfassen das betagte Flugzeug und schütteln es kurz durch. Nichts Dramatisches, kein Magen meldet sich zu Wort, dafür stehen jetzt die Münder der Passagiere weit offen. Vor uns erstreckt sich eine Welt, die fast unwirklich erscheint. Klobige Bergmassive, die zu den größten in ganz Amerika gehören, rahmen gewaltige Gletscher mit einer Eisdicke von bis zu 300 Metern ein. Die Schneemassen und das in sämtlichen Blautönen schimmernde Eis blenden unsere Augen und brennen sich zugleich unauslöschlich in unser Gedächtnis ein. Zu atemberaubend sind die Anblicke, als dass man sie jemals vergessen könnte. Die tiefen Gletscherspalten und kristallklaren Schmelzwasserseen wirken nicht nur wie Überbleibsel aus der letzten Eiszeit – sie sind es.

Die massigen Eisbrocken brennen sich in unser Gedächtnis.

Der einzige der nicht permanent mit offenem Mund aus dem Fenster schaut, ist der Pilot. Er wirkt besorgt. „Jetzt war ich nur ungefähr eine Woche nicht hier und es hat sich schon wieder so viel verändert“, berichtet er mit einer Traurigkeit in der Stimme, die trotz lautem Motorenknattern deutlich wahrnehmbar ist. Viel zu warm sei es in letzter Zeit geworden und die Gletscher an der Grenze zu Alaska würden im Rekordtempo schmelzen. Für uns Laien scheint die Natur hier, wo weit und breit kein Mensch lebt, noch völlig intakt. Wir ergötzen uns an den massigen Eisbrocken die von der Gletscherkante abbrechen und in einen See stürzen. Flenders drückt die Maschine hinunter und umfliegt einen Eisklumpen von der Größe eines Mehrfamilienhauses. Ein letztes Mal bietet sich aus nächster Nähe ein atemberaubender Blick auf das größte nichtpolare Eisfeld der Erde. Dann heißt es Abschied nehmen aus einer Welt, die aus einer vergangenen Zeit stammt und schon bald endgültig der Vergangenheit angehören könnte. Hinter dem nächsten Bergkamm ist der eisige Zauber abrupt vorbei. Das Weiß der Gletscher und Berge wandelt sich in das ebenso sehenswerte sattgrüne Farbenspiel der Nadelwälder des Yukon.

Thor Flender ist Pilot is Haines Junction.

Kurz bevor die Cessna auf der buckeligen Landepiste bei Haines Junction aufsetzt, zeigt sich auf einer kleinen Lichtung ein gewaltiger Schwarzbär mit seinen zwei Jungen. Vom Flugzeug aufgeschreckt stellt er sich auf die Hinterbeine, fast so, als wolle er uns grüßen und daran erinnern, dass im Yukon deutlich mehr Bären als Menschen leben.

Weitere Infos zu Rundflügen im Kluane Nationalpark sind unter www.yukonairtours.com zu finden.

Wer sich für andere Artikel über Kanada interessiert, findet unter folgendem Link alles, was ich bisher über dieses Land geschrieben habe: www.osnapicture.de/tag/kanada/



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    4 Kommentare »

    1. Kerstin 27. Dezember 2010 at 16:03 - Reply

      Die Bilder und der Artikel sind wirklich großartig, ich wollte schon immer mal solche Bilder selbst schießen und Kanada ist zudem ja auch ein tolles Land.

    2. Ingrid 19. Februar 2011 at 23:32 - Reply

      Hallo Thor,

      wunderschöne Bilder auf Eurer Homepage !
      Kann mich noch gut an Dein Schwärmen vom langen Alaskaurlaub erinnern.

      Herzliche Grüße aus Kreuztal und weiterhin alles Gute für Dich im hohen Norden

      von Deiner ehemaligen Arbeitskollegin

      Ingrid.

    3. Michael 24. Mai 2011 at 14:02 - Reply

      Ein toller Bericht und super Bilder! Immer wenn ich solche Bilder sehe befinde ich mich in einem Zwiespalt, da ich die Landschaft so herausragend schön und beeindruckend finde, ich aber auf der anderen Seite die komplette Zeit nur frieren würde und mir die Kälte überhaupt keinen Spaß machen würde. Dennoch gut gelungen und vielleicht kann ich mich doch mal zu solch einer Reise durchringenl.

    4. Johannes 5. Juli 2011 at 12:26 - Reply

      Wow schöne Bilder und eine tolle Seite!

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